Eine Züchterkollegin hat es einmal so formuliert: „Man kann es auch übertreiben“ - als Replik auf meine Aussage, daß sowohl die Futtermittelindustrie, die Zuckerindustrie, die Pharmaindustrie mit vielen weiteren hier nicht genannten Konzernen eine Lobby bilden, welche - in meinen Augen - inzwischen durch ihren Einfluss die Politik in viel zu vielen Bereichen zu ihren Gunsten nutzt und der Lobbyismus in Deutschland ein ausgesprochen ungesundes Maß erreicht hat zu Lasten der Bürger, zu Lasten der Umwelt und der Tiere.
Aber übertreibe ich wirklich, wenn ich die Futtermittelindustrie kritisiere?
Vierzig Jahre praktische Zuchterfahrung mit praktischer Futtermittelerprobung zeitigen für uns ganz klare Ergebnisse und diese sprechen nicht für eine Fütterung mit Trockenfutter und bei der Dosennahrung hängt die Qualität entscheidend vom Hersteller, der Fleischqualität und dem Verfahren der Verarbeitung ab!
Kritiklose Fütterung von Industriefutter geht für mich einher mit einem quasi nicht mehr vorhandenen investigativen Journalismus, wie ich ihn sowohl aus alten „Spiegel“-Zeiten kenne, als auch aus der Zeitschrift „Stern“ , welche ehrlich und authentisch berichtete.
Wir erinnern uns: Es war der „Stern“, welcher die Artikelserie „Du armer Hund“ von Heike Gebhardt veröffentlichte und damit zum ersten Mal in dieser Form den zu dieser Zeit üblichen Hundehandel unter die Lupe nahm und dabei Schreckliches ans Tageslicht beförderte….An Aktualität hat dieser Artikel auch heute nicht verloren, außer daß heute statt von Holland, die unter qualvollen Bedingungen aufgewachsenen Welpen überwiegend aus Polen kommen.
Als Züchter - und damals erfolgreicher Aussteller an FCI-Veranstaltungen, ist man nicht umhin mit Futtermitteln der Industrie involviert, denn diese waren mit unzähligen Ständen an den Ausstellungen vertreten, allen voran in Dortmund, der größten und bekanntesten Ausstellung mit der sogenannten „Bundessieger“ und „Europasieger“-Ausstellung - eine davon im Frühjahr und eine im Herbst.
Und natürlich die beste Möglichkeit für Besucher, Aussteller und Züchter sich umfassend zu Hundefutter zu informieren, denn üblicherweise gab es entweder kostenlos oder für kleines Geld begehrte Futterproben und sowas nimmt man ja schon gerne mal mit ;-)
Ein namhafter Vertreter dieses genres war sich auch nicht zu schade, angehende Tierärzte ins Boot zu holen, um an den Futtermittelständen mit „Göttern in weiß“ den besten Eindruck zu erzielen - so etwas wertet jedes Futter unbewusst und unwillkürlich auf!
Man lernt - für seine Hunde und deren Gesundheit - schnell, daß Zucker und „versteckte“ Zucker in Hundefutter nichts zu suchen hat und das lässt sich tatsächlich bei der Zusammensetzung des jeweiligen Futters recht einfach feststellen: neben dem Zucker gehören als „versteckte“ Zucker zum Beispiel Melasse, Laktose, Glukose, Dextrose, Maltose, Inulin, Karamell und Maltodextrin.
Hunde benötigen für ihre Ernährung keinen Zucker, aber wie Zucker in den Fruchtjoghurts von Kindern, ist es ein beliebter - und erfolgreicher „Lockstoff“ - und ist bei Kindern, wie bei Hunden bewährt in der Anwendung….
Erst recht interessant wird es bei der Hundefütterung beim Thema barf, also der Rohfütterung der Hunde. Diese ist bereits seit Jahren im Trend und wird von vielen Verfechtern sehr dogmatisch betrieben: wehe, der Hunde bekommt nicht eine genau auf sein Gewicht exakt berechnete Futterration mit genau dem richtigen Maß an Calcium und Phosphor - so mancher Hundehalter traut sich da erst gar nicht an das Barfen heran, aus Angst, der Hund könnte falsch ernährt werden und kauft dann doch lieber das wissenschaftlich errechnete Trocken-oder Dosenfutter, um sich auf der sicheren Seite für seinen Hund zu fühlen! Die Industrie spielt genau mit dieser Angst der Hundebesitzer und vermeintlich positive Artikel zum Thema barf enden oft genug mit dem Hinweis, daß auf jeden Fall ein Tierarzt die passende Ration für den Hund berechnet haben muss, soll der Hund nicht dauerhaft eine Schädigung durch womöglich falsche Fütterung bekommen. Und so greifen viele Leser solcher Artikel doch wieder lieber zu Trockenfutter und/oder Dose - ungeachtet der inzwischen bekannt vielen auftretendeten Haut - und Fellproblemen, welche mit Industrienahrung einhergehen.
Man soll Hunde und Kinder nicht vergleichen, aber hin und wieder sind derlei Vergleiche sehr sinnvoll, gerade hinsichtlich des Thema barf: ich kenne persönlich - uns eingeschlossen - keine einzige Familie, in welcher bei der Kinderernährung ein Ernährungsberater hinzugezogen wird, um die exakt erforderliche Nahrungszusammensetzung für das entsprechende Alter berechnen zu lassen, damit das (eigene) Kind wirklich optimal ernährt wird. Aber ich kenne Dutzende von Hundebesitzern, welche beim Tierarzt und /oder Ernährungsberater die optimale Ration für ihren Hund berechnen lassen!
Ich habe bei diesen Futterberatungen immer das seltsame Gefühl, daß da etwas richtig, richtig schief läuft - und zwar weil es scheinbar kaum mehr eine vom gesunden Menschenversand geprägte Fütterung unserer Haustiere gibt, denn wie sonst kann es denn sein, daß unsere Essensreste nicht mehr an die Hunde verfüttert werden „dürfen“, folgt man den Empfehlungen von Futtermittelberatern, Tierärzten oder den Artikeln in Hundezeitschriften, in welchen dringend davon abgeraten wird, Reste vom Tisch an die Hunde zu verfüttern.
Wir leben in einem Land, in welchem nicht stark gewürzt wird und wir können uns den Luxus gesunder und fleischhaltiger Nahrung in sehr hoher Qualität leisten - und der Hund, ein Allesfresser und genau mit dem passenden Magen dazu ausgerüstet - soll die Reste dieser hochwertigen Nahrung von uns Menschen nicht bekommen oder sie soll gar schaden?????????? Und wir, ausgerüstet mit einem viel empfindlicheren Magen als unsere Hunde „überleben“ unsere Nahrung?????
Und wie überleben denn wilde und wildlebende Hunde???? Richtig, sie suchen Nahrungsmittelreste aus der Zivilisation……